Das Bauen wird umgedacht

Beim natureplus-Fachkongress RE.THINK BUILDING Anfang September in Berlin ging es weniger um die Klärung technischer und fachspezifischer Fragen als darum, einen Wendepunkt in der Transformation des Bausektors zu setzen. Zugleich zeigte natureplus an der Seite von Architects for Future seinen neuen Stellenwert als Impulsgeber für die baupolitische Debatte.

Blick in den Plenarraum.

Diskussionsrunde zur aktuellen Bau- und Wohnsituation mit (v.r.n.l.) Bernhard Herrmann MdB (B90/Grüne), Theresa Keilhacker, Thomas Graber und Moderatorin Katharina Aguilar.

Abschlussrunde "Material Matters" mit (v.r.n.l.) Emanuel Lucke (A4F), Hannes Bäuerle (Raumprobe), Dominik Campanella (Concular), Angelika Drescher (Bauhaus der Erde) und Moderatorin Aguilar. Bildquelle für alle Bilder: Prenzler de Carvalho für natureplus.

Es war ein anstrengender Tag, dieser 9. September im Quadriga Forum im historischen Zentrum von Berlin, unmittelbar neben Museumsinsel und Auswärtigem Amt. Ein Tag vollgepackt mit Vorträgen und Diskussionsrunden mit 19 Referent*innen, aber auch ein Tag mit vielen Begegnungen unter den fünf Dutzend vor Ort anwesenden Teilnehmer*innen dieser hybriden Veranstaltung, der nach neun Stunden Programm in einem Poetry-Slam mündete: ein wenig Selbstironie nach so viel Bedeutungsschwere und der Übergang zu einer entspannten Jubiläumsparty anlässlich des 20jährigen Bestehens des natureplus-Umweltzeichens. "Re-Think Building!" war das Thema dieses Tages, den der natureplus e.V. unterstützt von Architects for Future (A4F) auf die Beine gestellt hatte - und schon die Übersetzung dieses Aufrufs brachte die ganze Bandbreite der aktuellen baupolitischen Debatte zum Ausdruck: Soll es um die von zahlreichen Redner*innen beschworene "Bauwende" hin zum klima- und kreislaufgerechten Bauen gehen, möglichst mit neuen staatlichen Vorschriften und Förderinstrumenten? Soll es um die Infragestellung des Neubaus und um die In-Wert-Setzung der Bestandsgebäude gehen, dem zentralen Anliegen der A4F? Soll es um innovative Materialien und Bauweisen gehen, die den Klimawandel nicht weiter anheizen, sondern vielleicht sogar eindämmen können? Soll es darum gehen, mehr über das eigentliche Bauen nachzudenken und nicht immer nur die Gebäudetechnik in den Vordergrund zu stellen?

Welche Wege führen aus der Krise?

Im Grunde ging es auf der Veranstaltung um all diese Fragen, die schon Dr. Rolf Buschmann, Vorstandsvorsitzender des natureplus e.V. in seiner Begrüßungsrede ansprach. Schließlich drängt das Problem, ist doch der Bau und Betrieb von Gebäuden für 40% der weltweiten CO2-Emissionen, mehr als die Hälfte unseres Abfallaufkommens und für etwa neun Zehntel des hiesigen Verbrauchs an mineralischen Ressourcen verantwortlich. Diese Erkenntnis ist nicht neu, ebenso wie die Erkenntnis, dass der Bausektor neben dem Verkehr der Sektor ist, der hierzulande seine Klimaziele am Weitesten verfehlt, dass hier weltweit bei knappem Wohnraum ein eklatantes soziales Problem heranwächst - und angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise mit Lieferengpässen, Fachkräftemangel und Zinsanstieg auch gerade kein einfacher Ausweg aus dieser Problematik offensteht. Was tun also in dieser Krisensituation? Das war die von natureplus formulierte Aufgabe dieser Fachveranstaltung, auf die es im Laufe des Konferenztages tatsächlich sehr unterschiedliche Antworten gab.

Metanoia zur Umkehr und Sinnesänderung

Sich an die eigene Nase fassen, war eine Antwort, die Dr. Stephen Richardson vom World Green Building Council in seiner Keynote gab. Es reiche eben nicht, sich auf der Seite des Guten zu fühlen und in seinem Arbeitsalltag das eine oder andere nachhaltige Projekt zu verfolgen, es brauche einen grundlegenden Sinneswandel, einen "spiritual and cultural change" bei jedem einzelnen Akteur, damit unsere westliche Abhängigkeit von Wachstum und individuellem Wohlstand gebrochen werden kann. Er nutzte dafür das altgriechische Wort "Metanoia", das für eine „Änderung der eigenen Auffassung zu bestimmten Dingen“ steht. In der Philosophie wird der Begriff für die grundlegende Änderung der eigenen Lebenseinstellung verwendet. Wenn jeder Einzelne in seinem unmittelbaren Lebensumfeld darauf einwirken würde, dieses klimagerechter und nachhaltiger zu gestalten, könne dieses Vorbild viel Sinneswandel bewirken.

Nachhaltigkeit als "das neue Normal"

Die Mühen des Alltags beschrieb Theresa Keilhacker, Präsidentin der Architektenkammer Berlin, in ihrem Impulsvortrag und nahm ihren Berufsstand dabei nicht aus der Schusslinie. Viele Planer sähen das Einbringen von Nachhaltigkeitsaspekten nicht als ihre Aufgabe an, wenn die Auftraggeber dies nicht ausdrücklich verlangten, die Baubranche insgesamt sei sehr konservativ und stehe zudem ökonomisch unter Druck. Dabei müsste Nachhaltigkeit eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, "das neue Normal" eben: "30 Jahre Wissenschaft" hätten gezeigt, wie es geht, "nun müssen wir auch danach handeln!" Sie forderte unter anderem ein Abrissmoratorium, eine neue Musterbauordnung, den Abbau bürokratischer Hemmnisse und neue Akzente in Aus- und Weiterbildung. "Das Umdenken muss am Anfang stattfinden, nicht erst, wenn der Plan schon fast fertig ist", war ihr Credo, womit sie auch die Auftraggeber, vor allem aber ihre Zunft in die Pflicht nahm, denn: "Ökobilanzierung muss heute jeder Architekt können."

Handwerk an der Schnittstelle

Bei nachhaltiger Planung auch die Umsetzung im Griff zu behalten, war das Anliegen von Thomas Graber, Vorstandsmitglied des Zentralverbands Deutsches Handwerk. Er sieht die Aufgabe des Handwerks darin dafür zu sorgen, dass die unterschiedlichen Ansprüche der Baubeteiligten auch in der Realität zusammenkommen und gemeinsam funktionieren. Deshalb gelinge nachhaltiges Bauen "nur, wenn alle dabei gewinnen". Es gehe nicht an, dass der Bauhandwerker letztlich allein die Risiken der Bauausführung tragen müsse, er brauche Sicherheitsgarantieen und am Markt verfügbare Produkte, die sich einfach und wirtschaftlich verbauen lassen, um letztlich auch eine gute Wertschöpfung zu ermöglichen. Insofern sah er die Politik in der Pflicht, die Unzahl von bauordnungsrechtlichen Normen an die Erfordernisse der Nachhaltigkeit anzupassen und entsprechende Anreize durch die staatlichen Förderprogramme und bei den Aufträgen der Öffentlichen Hand zu setzen.

Bauen im Kreislauf und mit wenig Technik

Am Nachmittag ging es in parallelen Foren weiter, zu denen auch online zahlreiche Teilnehmer zugeschaltet waren. So berichtete Edeltraud Haselsteiner vom Wiener Forschungsinstitut Urbanity von ihren Low-Tech-Projekten, robusten Gebäuden, in denen elektronische Bauteile und Gebäudetechnik möglichst vermieden werden. Denn diese seien durch ihre relativ kurze Lebensdauer und den hohen Herstellungsaufwand keineswegs besonders nachhaltig, selbst wenn sie gewisse Energieeinsparungen ermöglichen. Die Architektin Kerstin Müller vom Schweizer Baubüro in situ und Geschäftsführerin von zirkular, einer Firma für gebrauchte Bauteile, beschrieb einige praktische Beispiele für zirkuläres Bauen, bei denen 40-50 Jahre alten Bestandsgebäuden mit Fenstern und Fassadenteilen aus Abrisshäusern wieder neues Leben eingehaucht wurde. Auch Jörg Finkbeiner von Partner & Partner Architekten beschäftigte sich mit kreislaufgerechtem Bauen und Low-Tech-Bauweisen, die aufgrund der gewählten Baustoffe ein gutes Raumklima ermöglichen. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass der Akzent auf einem sparsamen Umgang mit den Ressourcen liegt und zugleich preiswertes Bauen und eine rasche Umnutzung brachliegender Potentiale ermöglicht wird. Sparsamer Umgang mit den Ressourcen war auch das Stichwort für Bianca Reuter vom Veranstaltungssponsor bestWood Schneider, die ihr Konzept der Totalverwertung von Holz vorstellte.

Die "Ressource Zeit" und der sparsame Umgang mit Material

Eher grundsätzlich wurde es in dem anderen Parallelforum, das in englischer Sprache gehalten wurde. Hier plädierte die charismatische Potsdamer Hochschullehrerin Anupama Kundoo anhand zahlreicher Beispiele aus ihrer Heimat Indien für das menschliche Maß, das an das Bauen angelegt werden müsse. Der Grund für viele Missstände sei, dass man immer mehr Vorschriften erlasse und nicht auf die Erfahrung der Menschen vertraue. "Wir bauen immer effizienter viele Dinge, die wir eigentlich gar nicht brauchen." Man müsse die menschlichen Ressourcen mehr wertschätzen - eine Aussage ganz im Sinne der Maxime von Josef Beuys, dass jeder Mensch ein Künstler sei. "Jeder Mensch auf der Erde hat eine Ressource in gleicher, demokratischer Weise und das ist die Zeit, 24 Stunden jeden Tag." Es komme darauf an, wie man diese nutze. In diesem Forum ging es aber auch ganz praktisch zu, wenn etwa Johannes Kreißig von der DGNB den Aufruf erneuerte, das Wissen über Nachhaltiges Bauen jetzt überall in die Praxis zu bringen und dabei die Instrumente zu nutzen, die seine Gesellschaft zur Verfügung stellt, um eine messbare und leistungsbasierte Optimierung des Bauens im Sinne der Nachhaltigkeit zu erreichen. Max Drath, Architekt und Planer aus den Niederlanden, berichtete von Versuchen, die dort vorherrschende Ziegelbauweise ökologischer zu machen, indem man, nach dem Vorbild der "Trümmerfrauen" nach dem Krieg, gebrauchte Ziegel wiederverwendet und neue Ziegel ohne Brennvorgang mit Hilfe von Bakterien und Pilzen "züchtet". Ralf Harder vom Veranstaltungssponsor Lignotrend ging auf das kritische Thema Verfügbarkeit des Rohstoffs Holz ein und schilderte die Bemühungen seines Unternehmens, Bauelemente möglichst materialsparend zu konstruieren.

Material Matters

In der Abschlussrunde "Material Matters" brachten dann noch Vertreter*innen von Architects for Future, Bauhaus der Erde und den beiden Startups Concular und Raumprobe, die Datenbanken für schadstoffarme Bauprodukte bzw. für das zirkuläre Bauen entwickeln, sehr konkrete Lösungsansätze zur Sprache, die auch in die Kooperation mit natureplus eingebunden werden sollen. Immer deutlicher wurde dadurch allen Beteiligten, wie weit fortgeschritten inzwischen das Wissen über nachhaltige Baumaterialien ist, das vor allem natureplus in seinem Gütesiegel bündelt und für die Planungsbüros und auch allgemein für Verbraucher*innen bereitstellt. Nachhaltiges Bauen geht eben nur mit entsprechenden Materialien und dafür ist natureplus der wichtigste Wegweiser In Europa. Zugleich zeigte diese Tagung, dass der natureplus e.V. sich in den letzten 20 Jahren vom Anbieter einer ökologischen Produktzertifizierung zu einem gemeinnützigen Umweltverband entwickelt hat, der wichtige Impulse für die nachhaltige Baukultur bündelt und immer stärker in die Gesellschaft hineinwirkt. Anlass genug, das Jubiläum noch bis in den späten Abend mit zahlreichen alten Weggefährten zu feiern...

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